Du hast jahrelang gespart und fragst dich nun: Wie viel kann ich im Ruhestand monatlich entnehmen, ohne mein Geld zu früh aufzubrauchen? Die sogenannte 4%-Regel bietet eine einfache Antwort — und sie hat bemerkenswert gut standgehalten. In diesem Artikel erklären wir, wie die Regel funktioniert, woher sie stammt und wann du sie anpassen solltest.
Der Ursprung: William Bengens Forschung, später bestätigt durch die Trinity-Studie
Die 4%-Regel geht auf die Forschung des Finanzberaters William Bengen zurück, der sie 1994 im Journal of Financial Planning unter dem Titel "Determining Withdrawal Rates Using Historical Data" veröffentlichte. Anhand historischer US-Markt- und Anleihedaten stellte Bengen fest: Ein Rentner, der im ersten Jahr 4% seines Portfolios entnimmt und diesen Betrag danach jährlich an die Inflation anpasst, kann erwarten, dass ein Portfolio über 30 Jahre in nahezu allen von ihm untersuchten historischen Zeiträumen Bestand hat.
Vier Jahre später, 1998, veröffentlichten drei Finanzprofessoren der Trinity University in San Antonio, Texas — Philip Cooley, Carl Hubbard und Daniel Walz — eine verwandte, aber eigenständige Studie, die historische US-Markt- und Anleihedaten über eine breitere Palette von Portfolios und Entnahmeraten untersuchte. Ihre Schlussfolgerung bestätigte die von Bengen: Ein Portfolio, das zu 50% aus Aktien und zu 50% aus Anleihen besteht, übersteht eine jährliche Entnahme von 4% mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit über einen Zeitraum von 30 Jahren — einschließlich Zeiträumen wie der Weltwirtschaftskrise und des Ölschocks. Diese zweite, breiter angelegte Studie prägte den Begriff "sichere Entnahmerate" im Finanzplanungs-Sprachgebrauch — doch die 4%-Zahl selbst und die Kernlogik der Regel gehen vier Jahre früher auf Bengen zurück.
Wie die 4%-Regel funktioniert
Das Prinzip ist denkbar einfach:
- Du hast ein bestimmtes Kapital gespart (z. B. €1.000.000).
- Du entnimmst im ersten Jahr 4% davon: €40.000 (oder €3.333 pro Monat).
- In den Folgejahren passt du diesen Betrag an die Inflation an.
- Dein Portfolio bleibt investiert und erwirtschaftet weiterhin Rendite.
Die Idee: Deine Rendite gleicht die Entnahme und die Inflation aus, sodass dein Kapital nicht schrumpft — zumindest statistisch gesehen über einen typischen Rentenzeitraum von 30 Jahren.
Entnahmeraten im Vergleich
| Entnahmerate | Monatlich bei €1.000.000 | Nachhaltigkeit (30 Jahre) |
|---|---|---|
| 3,0% | €2.500 | Sehr hoch (konservativ) |
| 3,5% | €2.917 | Hoch (vorsichtigere Wahl für europäische Anleger) |
| 4,0% | €3.333 | Gut (basiert auf US-Daten) |
| 5,0% | €4.167 | Riskant — Kapitalverzehr möglich |
Das Rendite-Reihenfolge-Risiko
Eines der größten Risiken für Rentner ist das sogenannte Rendite-Reihenfolge-Risiko (englisch: Sequence-of-Returns-Risk). Es beschreibt folgendes Problem: Wenn die Aktienmärkte ausgerechnet in den ersten Jahren deines Ruhestands stark einbrechen und du gleichzeitig Kapital entnimmst, schrumpft dein Portfolio schneller als geplant.
Auch wenn die langfristige Durchschnittsrendite identisch wäre, kann ein schlechtes Börsenumfeld in den ersten Rentenjahren dazu führen, dass dein Kapital vorzeitig aufgezehrt wird. Dieses Risiko ist real und sollte bei der Planung berücksichtigt werden.
Gilt die 4%-Regel auch für Deutschland?
Sowohl Bengens Forschung als auch die Trinity-Studie basieren auf US-amerikanischen Marktdaten, die historisch höhere Renditen zeigen als europäische Märkte. Für deutsche und europäische Anleger empfehlen viele Finanzexperten daher eine konservativere Entnahmerate von 3% bis 3,5%, um das niedrigere historische Renditeniveau zu berücksichtigen.
Hinzu kommt, dass du in Deutschland von der gesetzlichen Rente profitierst, was deinen privaten Entnahmebedarf reduziert. Wenn deine gesetzliche Rente bereits einen Teil deiner Ausgaben deckt, musst du aus deinem Portfolio weniger entnehmen — was die Nachhaltigkeit deutlich verbessert.
Wann solltest du die Entnahmerate anpassen?
Die 4%-Regel ist kein starres Gesetz, sondern eine Richtschnur. In folgenden Situationen solltest du flexibel sein:
- Schlechte Börsenjahre: Reduziere temporär deine Entnahme, um das Portfolio zu schonen.
- Längerer Ruhestand: Planst du 40+ Jahre im Ruhestand, ist 3% sicherer als 4%.
- Hohe Inflation: Passe deine Entnahme realistisch an, ohne das Portfolio zu überlasten.
- Zusätzliche Einnahmen: Miet- oder Nebeneinkünfte erlauben dir, weniger zu entnehmen.
- Starke Kursgewinne: In sehr guten Jahren kannst du etwas mehr entnehmen, ohne das Grundprinzip zu gefährden.
Fazit: Die 4%-Regel als Startpunkt, nicht als Dogma
Die 4%-Regel ist ein hervorragender Ausgangspunkt für die Rentenplanung. Sie gibt dir eine einfache Formel, um zu berechnen, wie viel Kapital du ansparen musst — und wie viel du später entnehmen kannst. Für deutsche Anleger empfehlen wir eine konservativere Sichtweise und raten, die Entnahmestrategie regelmäßig zu überprüfen und bei Bedarf anzupassen.
Nutze unseren Rentenrechner, um zu sehen, wie viel Kapital du bis zu deinem Wunsch-Rentenalter aufbauen kannst — und berechne, welche monatliche Entnahme für dich realistisch ist.
Berechne Dein Rentenkapital
Unser kostenloser Rentenrechner zeigt dir, wie deine Ersparnisse wachsen — und was am Ende für dich übrig bleibt.
Zum Rentenrechner →Häufig gestellte Fragen
Was ist die 4%-Regel?
Die 4%-Regel besagt, dass du jährlich 4% deines Ersparten entnehmen kannst, ohne dein Kapital in einem typischen 30-jährigen Ruhestand aufzuzehren. Sie stammt aus William Bengens Forschung von 1994, später bestätigt durch die Trinity-Studie von 1998.
Woher kommt die 4%-Regel?
Die Regel stammt ursprünglich aus der 1994er Forschung des Finanzberaters William Bengen und wurde 1998 durch die sogenannte Trinity-Studie bestätigt, die von Professoren der Trinity University in Texas durchgeführt wurde. Beide analysierten historische Marktrenditen und fanden, dass eine 4%-Entnahme mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nachhaltig ist.
Ist die 4%-Regel auch für Deutschland geeignet?
Die Studie basiert auf US-Marktdaten. Für europäische Anleger empfehlen viele Experten eine konservativere Entnahmerate von 3% bis 3,5%, um das geringere historische Renditeniveau zu berücksichtigen.
Was ist das Rendite-Reihenfolge-Risiko?
Das Rendite-Reihenfolge-Risiko beschreibt das Phänomen, dass starke Kursverluste zu Beginn des Ruhestands besonders schädlich sind. Wenn du in den ersten Jahren große Verluste erleidest und gleichzeitig Kapital entnimmst, schrumpft dein Portfolio schneller als erwartet.
Wie kann ich die Entnahmerate flexibel anpassen?
Eine flexible Strategie sieht vor, die Entnahme in schlechten Börsenjahren zu reduzieren und in guten Jahren etwas mehr zu entnehmen. Alternativ kannst du einen Teil des Portfolios in risikoarmen Anlagen für die ersten Rentenjahre parken.